Dialog nach David Bohm

Christiane Geiser Ausbildungsinstitut GFK
Der Dialog nach David Bohm, eine Einführung
Ausschnitt aus dem Vortrag im transdisziplinären Studiengang
"Wissenschaft und Weisheit" Universität Zürich, März 2000

David Bohm war Physiker und lebte von 1917-1992, er war ein transdisziplinärer Wissenschaftler, ein leidenschaftlicher Sucher, interessiert an allen essentiellen grenzübergreifenden Fragen, auch ausserhalb seines Fachgebiets.
Er ist auch interessanterweise in anderen Wissenschaftsgebieten ernster genommen worden als in seinem Hausgebiet, der Physik.
Bohm war tief besorgt um den Zustand der Wissenschaften und der Welt. Er verfolgte unbeirrt die Vision, dass Menschen gleichberechtigt, partizipierend zusammen sein und gemeinsam etwas entwickeln können.
Wissenschaft könne für alle zugänglich gemacht und würde so zu einem transformierenden Werkzeug für die Veränderung der Gesellschaft werden.
David Bohm kam nicht aus einem Berufsfeld, in dem die Entwicklung einer neuartigen Gesprächsform sozusagen erwartet wird.
Bohm war ein holistischer Denker. Er führte lange Jahre Dialoge mit Krishnamurti über östliche Philosophie und die Ganzheit des Daseins.
Schon in seinen frühen physikalischen Arbeiten über Plasma ging es ihm um Ganzheit, Wechselwirkung und Verbundenheit statt um das Betrachten der "Einzelteile", und seine späteren Theorien der "Holobewegung" und der "impliziten Ordnung" lassen das noch deutlicher werden.
Materie und Geist sind nicht getrennt, postuliert Bohm, sie sind ein Ganzes. Explizit /ausgefaltet seien die Formen, die Ordnungen von Raum und Zeit, die mechanischen Kräfte, unsere ganze bekannte und von uns wahrgenommene Welt unabhängiger Objekte. Aber darunter, auf einer tieferen Ordnungsstufe, liege implizit/eingefaltet eine verborgene Ordnung, die eigentliche fundamentale primäre Realität, holographisch sei in ihr das ganze Universum eingefaltet, aus ihr entfalten sich in zyklischen Bewegungsabläufen immer neue kreative Formen, vergehen wieder, bilden sich ähnlich oder anders neu.
"Whatever we call reality, it is revealed to us only through an active construction in which we participate" , sagt I. Prigogine.
Bohm stellte eine Analogie her zwischen Quantenprozessen und unserer Art zu denken.
Denken und Sprache haben ihn sein Leben lang fasziniert, eine Weile lang suchte er eine Sprache (und wollte Kinder darin unterrichten!), die nur aus Verben bestehen sollte, damit das Dinghafte, Fixe unserer Sprache in ein Prozess-Sprechen übergehen könnte. Das, was Bohm später "Dialoggruppen" nannte, lernte er selber kennen in einer Klinik während einer seiner depressiven Phasen, an denen er von Zeit zu Zeit litt. Ein Soziotherapeut namens Patrick de Mare bot solche Gruppen an, die anders waren als die damals üblichen Lern- oder Trainingsgruppen oder die
psychologischen Selbsterfahrungsgruppen. Bohm entwickelte dieses Verfahren weiter und wollte es vor allem für die Wissenschaft nutzen. Sein Vorschlag war z.B., dass auf Kongressen nicht die hübsch geordneten und geglätteten Endresultate vorgestellt werden sollten, sondern dass die Vortragenden alle Zuhörenden teilhaben lassen sollten am Prozess ihres Denkens, ihrer Vorannahmen bezüglich des Themas, ihres Wegs zu den Ergebnissen - dieses Vorgehen würde eine gänzlich andere Art von Wissenschaft ergeben!
In letzten Jahren seines Lebens gründete Bohm mit seinen KollegInnen überall Dialoggruppen, erprobte sie und schrieb darüber. Mittlerweile ist der "Bohmsche Dialog" weltweit eine Art von verbindender Vision geworden und wird, interessanterweise vor allem im Bereich der Unternehmenskultur ("lernende Organisationen") immer mehr praktiziert. Für die Idee des Dialogs sind Bohms Vorstellungen über eine implizite/explizite Ordnung insofern interessant, als er annimmt, dass es unser Denken ist, das die ursprüngliche Ganzheit teilt. Wenn wir denken und strukturieren, Begriffe wählen, Teile und Trennungen erschaffen, Annahmen und Notwendigkeiten erfinden, fragmentieren wir etwas, reissen wir etwas auseinander und umgeben etwas mit Grenzen, das ursprünglich ganz ist. Dass wir das tun, ist nicht das Problem, wir brauchen zur Verständigung untereinander ja fest definierte Begriffe, konsensuell entstandene Strukturen.
Das Problem entsteht erst, wenn wir vergessen, dass wir das getan haben und zu glauben beginnen, dass wir es mit objektiven Realitäten zu tun haben, die unabhängig von unserem Denken existieren. "Der Denkprozess denkt, dass er gar nichts tut, sondern einem nur mitteilt, wie die Dingen eben sind", sagt Bohm, und dahinter steht die Annahme, dass das Denken Erfahrungen so beschreibt, wie sie sind, "als gäbe es ein Fenster für eine ungefilterte Wirklichkeit, die ausserhalb einer Person stattfindet".
Das ist natürlich ein folgenschwerer Irrtum. Bohm nennt dieses erinnerungsgeleitete, alte, unüberprüfte Denken "thought" im Unterschied zu "thinking", dem neuen, frischen, im Moment entstehenden Denken. Wobei anzumerken ist, dass Denken für Bohm eine ganzheitliche Funktion des Organismus ist und nicht nur eine mentale Aktivität, es schliesst Fühlen, Empfinden, Feldwahrnehmung, Stimmungen etc. ein. Folgerichtig fordert Bohm, dass "Propriozeption" (unsere Fähigkeit, auch mit geschlossenen Augen genau zu wissen, wo unsere Arme und Beine im Moment im Raum sind) uns offenbar im Bereich des Denkens fehlt und wir sie unbedingt dort einführen müssen. Diese Eigenwahrnehmung des Denkens (mitzubekommen, wie die Denkbewegung sich in uns vollzieht, wie Absicht, Ergebnis und Folgen des Denkens aussehen) kann sich in einem Dialog ereignen, wenn alle Beteiligten den Denkprozess verlangsamen, beobachten und öffentlich machen. Dem Denken auf die Spur zu kommen, und zwar dem individuellen und dem kollektiven, ist das erklärte Ziel der Dialoggruppen.
 
Dialogische Fähigkeiten
Auch der Dialog, der ja ein kollektives Unternehmen ist, beginnt, wie alle grossen Disziplinen, mit individueller Arbeit ("homework", wie Bohm das manchmal humorvoll nannte). Dialogische Fähigkeiten sind in der Regel nicht einfach vorhanden, sondern brauchen Übung und Schulung. Drei Hauptfähigkeiten, die es uns erleichtern, in einem Dialog präsent zu sein, will ich hier beschreiben
 
Wahrnehmen: Wahrnehmung erfolgt über das Bemerken von Unterscheidungen, von Differenzen. Dazu muss ich verlangsamen, hinhören, hinschauen, hinspüren: was ist alles da? Was finde ich vor? Übung: versuchen, für einen Moment aus dem Zuhören/Mitschreiben/Mitdenken auszusteigen, die Augen zu schliessen und probieren, allerlei wahrzunehmen: habe ich noch Geräusche, Stimmen, Sätze im Ohr? Denke ich selber etwas, rede ich mit mir? Habe ich innerliche Bilder? Stelle ich mir etwas vor? Spüre ich meinen Körper, so wie ich gerade auf dem Stuhl sitze? Was nehme ich an Körperempfindungen wahr? Rieche/schmecke ich etwas? Was für Gefühle bemerke ich im Moment bei mir? Was denke ich? Vielleicht bemerke ich, dass ich das eine besser wahrnehmen kann als das andere, ich also sozusagen eine "Lieblings-Wahrnehmungsart" habe. Es kann auch kaum wahrnehmbare Bereiche geben, Wahrnehmungsmodalitäten, in denen ich nicht geübt bin. Wichtig ist beim Wahrnehmen, dass ich mit der Zeit merke, dass ich meine Aufmerksamkeit richten kann, d.h. dass ich aktiv meine Wahrnehmung an einen Ort lenken kann und von einem anderen weg, dass mir das nicht einfach passiert. Das heisst: dort habe ich eine Wahl! Eine weitere wichtige Fähigkeit ist, Wahrgenommenes zu trennen von meinem inneren Kommentar dazu, von der Beurteilung/Bewertung des Wahrgenommenen: Kann ich bemerken, wie eng das oft verknüpft ist? Kann ich eine Wahrnehmung (ich schwitze, ich fühle mich ärgerlich) unterscheiden von einer Bewertung (und das finde ich blöd, das sollte nicht sein, das finden die andern sicher schrecklich) und diese beiden Dinge wieder auseinandernehmen?
(Die "Leiter der Schlussfolgerungen" wieder herabsteigen, heisst das in der Bohm-Literatur, z.B: jemand raschelt mit Papier oder kommt zu spät, während ich einen Vortrag halte - daraus schließe ich blitzschnell, er ist nicht interessiert, lehnt mich ab, ihm ist langweilig...usw.) Übung: das Bild mit der Werbung für den Polizistenberuf (6): wie reagieren wir spontan? Das heisst: was für Vorurteile rufen wir ab? Unabdingbar ist also die Fähigkeit, meine Selbstbeobachtung zu schulen: Kann ich eigene Stereotypien, Vorurteile, Glaubenssysteme, Muster erkennen resp. mich darum bemühen, das zu tun? Kenne ich meine Eigenarten und meine bestimmte Art, die Welt zu sehen - und kann ich notfalls darauf verzichten? All das sind ohnehin schon hilfreiche Bedingungen, um mit sich und der Welt zurechtzukommen - und die Welt mit uns! Für einen Dialogprozess im Sinne Bohms beschreibe ich jetzt explizit noch die beiden Aktivitäten, die am meisten gebraucht werden und die Bohm in einem speziellen Sinn ausformuliert: Zuhören und Sprechen
 
Zuhören: Zuhören gilt als wichtigste Qualität. Sie ist eine Aktivität, nicht ein Zurücklehnen und passiv Geschehen lassen.
Sie kann unterteilt werden in drei verschiedene Unterkapitel:
sich selber zuhören: Die oben schon beschriebenen Fähigkeiten tauchen hier wieder auf: Selbstwahrnehmung in verschiedenen Modalitäten ("Propriozeption"), Verlangsamen, Daten und private Interpretation der Daten trennen ("Leiter der Schlussfolgerungen" oder "Abstraktionsleiter"), Gewohnheiten und Stereotypien aufspüren. Kann ich meinen inneren Monolog wahrnehmen? Ihn eventuell sogar für einen Moment anhalten? Bemerke ich, wie ich innerlich argumentiere, formuliere, zustimme oder ablehne?
Was mich aufregt, ärgert, zufriedenstellt? Nehme ich meine begleitenden Gefühle wahr und meine Körperempfindungen, wie ich atme, mich bewege oder nicht? Im Dialog-Prozess ist jetzt zusätzlich zur Wahrnehmung noch eine aktive Leistung gefordert, nämlich das, was Bohm "suspendieren" nennt. Das heisst, dass wir darauf verzichten, das, was wir beim uns selber Zuhören entdecken, anderen aufzunötigen, wir unterdrücken es aber auch nicht, halten es nicht zurück. Wir lassen es sich entfalten und halten es dann "in der Schwebe", "hängen es vor uns auf", damit wir mit Hilfe der anderen unsere Annahmen, unsere Glaubenssysteme, all das, von dem wir annehmen, dass es doch ohne Zweifel so "sei", neu anschauen und erforschen können. So werden unsere Überzeugungen zugänglich für alle und können sozusagen auf dem Display betrachtet und besser verstanden werden.
"Suspension" ist eine schwierige und beeindruckende Kunst.
Den anderen zuhören:
"People do not listen, they reload!" Wer kennt das nicht aus Gruppengesprächen und Diskussionen: noch während jemand anderer redet, bereite ich mich körperlich, gefühlsmässig und mental auf eine Entgegnung vor, werte die Worte des Sprechenden auf oder ab, beziehe Gegenpositionen oder erkläre mich einverstanden, formuliere innerlich schon meine Antwort. Ich tue alles Mögliche, nur eines tue ich nicht: zuhören.
Mein Zuhören ist defensiv oder strategisch, ein zutiefst egozentrischer Akt. Wirkliches Nur-Zuhören ist eine aktive Leistung, eine unschätzbare Qualität, das wissen wir aus den Verfahren, die mit dieser Haltung arbeiten, z.B. den klientenzentrierten Richtungen nach Rogers. Dort sind diese Beziehungsbedingungen explizit formuliert: Empathie, Kongruenz und Akzeptanz. Die erste Bedingung zum Zuhören sei Mut, sagte Rogers einmal, weil wir selber dann riskieren, verändert zu werden.
In einer Dialoggruppe wird das noch einmal anders beschrieben: während ich meine eigenen Überzeugungen und Annahmen
in der Schwebe halte, höre ich denen der anderen zu, bemerke und
suspendiere meine automatischen Reaktionen, bin interessiert am Anderssein des anderen. Ich höre den Inhalten zu, aber auch den Pausen, der Stimmlage, dem Tonfall. Das ist mehr als nur Toleranz, sondern aus der Philosophie Bohms wird eine andere Interpretationsmöglichkeit denkbar: das Votum des anderen ist auch eine Auffaltung/Ausfaltung des zugrundeliegenden Impliziten, eine Art und Weise, das Gesamtpotential zu realisieren, eine Facette der "Wahrheit", des Ganzen. Eine, die ich auch hätte realisieren können? Eine, die "auch ich" sein kann, wenn in der Tiefe keine Fragmentierungen existent wären?
Wir müssen Bohms ontologische Deutung der Quantenrealität nicht teilen, aber der Aspekt, dass "das andere" einfach nur eine andere Art und Weise ist, wie sich die implizite Realität durch diesen Menschen äussert, gibt nach meiner Erfahrung eine neue Qualität in den Dialog hinein, vor allem, wenn es um kontroverse oder emotional hoch besetzte Themen geht. Es ist eine gute Übung, zu denken: "this too is in me". "Das" Nicht-Ich" (was im Wort "Toleranz" immer noch enthalten ist) wird zum "Auch-Ich".
Dem Gruppenganzen zuhören: Mit diesem Schritt geht der Bohmsche Dialog als kollektives Verfahren über die übliche Art, uns in Gruppen zu bewegen, deutlich hinaus. Wir üben, die aktive Zuhörfähigkeit auf die Gruppe auszudehnen. Kann ich dem "Gruppenlebewesen" zuhören? Was tun wir gerade, was lassen wir aus, wie bewegen wir uns, wer trägt was bei oder nicht, welche Gesamtatmosphäre herrscht, was bahnt sich an? Jedes Mal, wenn jemand etwas sagt, ändert sich ja subtil das Ganze. Kann ich die gemeinsame Realität wahrnehmen? Oder, wie es manchmal heisst, was ist der Elefant, dessen Teile wir hier gerade beschreiben?
All das erfordert einen grösseren Blick/Hör/Spürwinkel, ein ausgedehntes Körperfeld, eine Bereitschaft, unser "Selbst" nicht innerhalb unserer Hautgrenzen zu verorten, sondern bereit zu sein, die Vorstellung eines individuellen "Selbst" als Fragmentierung zu erkennen und es versuchsweise anders zu spüren: als "Gruppen-Selbst" für eine Weile, vielleicht auch als "relationales Selbst". Das ist die Voraussetzung, dass dann auf einer kollektiven Ebene Emergenzen stattfinden können, Kreativität entsteht. Bohm hatte die Vision, dass sich so das Potential realisieren kann, das sich durch uns, in uns als Gruppe entfalten will. Sein Blickwinkel als Quantenphysiker ist sowieso radikal anders als der übliche: da gibt es eigentlich keine Teile, die sich addieren oder zusammenfügen oder deren Beziehungen wir anschauen könnten. Nein, die Blickrichtung ist gerade umgekehrt. Es gibt das Ganze, und nur durch Messung/Beobachtung entstehen so etwas wie "Teile". Der Bezugspunkt ändert sich dadurch, wichtig sind auch nicht persönliche Freundschaften unter den Beteiligten, sondern der "Geist der unpersönlichen Gemeinschaft " ("impersonal fellowship").
Sprechen:
Wie steht es nun mit der komplementären Aktivität zum Zuhören, dem Sprechen? Was veranlasst jemanden zum Sprechen, welche Art des Sprechens ist im Dialog angemessen? Generell gilt, dass es günstig ist, jede schnelle automatisierte Antwort zu suspendieren und in eine untersuchende Frage umzuwandeln. Diese besondere Art des Sprechens wird in der Bohm-Literatur "inquiry" genannt (von inquaerere: im Innern suchen), erkundendes Sprechen, fragen, herausfinden, aufrichtig wissen wollen, interessiert sein. Das Interesse richtet sich auf meine eigenen Annahmen, auf die der anderen und vor allem auf die kollektiven, die uns als "implicit knowing" verbinden.
Gesprochen wird meist nicht zueinander oder aufeinander bezogen (d.h. zum Lieblingsgegner resp. Lieblingsunterstützer hinüber!), sondern zur Mitte, in den Raum zwischen uns hinein, so dass alle Beteiligten freie Sicht haben auf all die "aufgehängten" Annahmen und sich neue kollektive Intelligenz entwickeln kann. Alle sprechen "von Herzen", mit eigener, deutlicher, unverwechselbarer Stimme -und sind gleichzeitig Teil des Ganzen, eine Facette, eine Ausfaltung der Potentialität, mehr nicht. Das macht die einzelnen gleichzeitig wichtig und unwichtig, personales und interpersonales Dasein sind gleichzeitig notwendig. Bohm nennt das "Partizipation", und manchmal ist diese grundlegende Interdependenz in einer Gruppe geradezu sinnlich wahrnehmbar.
Praxis des Dialogs
Bedingungen: Ein Dialogprozess lässt sich nicht erzwingen, auch wenn man noch so sehr will.
Es lassen sich aber, wie immer bei Selbstorganisationsprozessen, förderliche Bedingungen verwirklichen, von denen ich die wichtigsten auflisten will:
* Eine Dialoggruppe braucht einen festen Rahmen: Ort, Zeit, Dauer.
* Erfahrungen mit der Gruppengrösse pendeln zwischen 10 und 50 Personen.
* Rollen- und Status-Eigenschaften sind für die Dauer des Dialogs aufgehoben.
* Es braucht eine gegenseitige Verpflichtung, für eine Weile dabei zu bleiben.
* Der Zweck des Unternehmens muss klar sein: wir wollen diese Art von gemeinsamer Erkundung erproben.
* Der Dialog kann nicht funktionieren, wenn diese Vorgabe nicht von allen geteilt wird.
* Obwohl in der Unternehmenswelt und im Feld der "lernenden Organisationen" auch der sogenannte "strategische Dialog" praktiziert wird (z.B.wenn zur Lösung von firmeninternen Problemen eine Dialogbegleitung engagiert wird), haben Bohm und seine KollegInnen immer nachdrücklich für den freien ("generativen") Dialog plädiert: d.h. es gibt kein Thema, kein Ziel, nichts soll erreicht werden, nichts muss herauskommen.
* Eine Dialogbegleitung wird höchstens am Anfang im Sinn einer "Minimalförderung" benötigt, sie macht sich mit der Zeit überflüssig. Ihre Aufgabe ist es, die Teilnehmenden von Zeit zu Zeit an die dialogischen Qualitäten zu erinnern, wenn diese in der alltäglichen Art von Umgang verlorenzugehen drohen.
* Die Grundhaltung ist die des Lernen-Wollens, nicht die des Schon-Wissens.
 Erfahrungen: Typisch für diese Gruppen sind verschiedene Phasen von Unsicherheiten
(W. Isaacs beschreibt sie in seinem Dialogbuch).
Der allmähliche Verzicht auf die gewohnten individuumzentrierten Denk-, Fühl- und Handlungsweisen macht dann aber langsam anderen Sicherheiten Platz. Es ist nicht mehr so wichtig, alles zu sagen, auf einzelne und einzelnes Bezug zu nehmen, andere genau zu verstehen, selber genau verstanden zu werden. Es kann vorkommen, dass das Thema einer Person scheinbar verschwindet und dann auf einmal bei einer anderen Person wiederauftaucht. Es ist auch nicht wichtig, den eigenen Standpunkt zu schärfen und andere zu überzeugen, einen möglichst stimmigen Konsens zu erreichen oder einer bestimmten Meinung zum Abstimmungssieg zu verhelfen. Der Fokus liegt auf einer anderen Prozessbewegung: immer wieder werden einzelne und zunehmend dann auch kollektive Vorannahmen, scheinbar klare Voraussetzungen, in der Schwebe gelassen, bis sich im Gruppenganzen neue emergente Phänomene beginnen abzuzeichnen oder manchmal sprunghaft erscheinen.
Es entstehen Rhythmen, Muster, Ordnungen in dem scheinbar ungerichteten Fluss der Gruppe. Niemand kann allein zu dieser Form des Denkens vorstossen.
Ein Dialog ist meiner Meinung nach ein radikales, subversives Unternehmen. Er löst alte Sicherheiten auf und schafft nicht sofort neue. Er scheint mir für unterschiedliche Berufsgruppen auch unterschiedlich herausfordernd zu sein: ManagerInnen, LehrerInnen, TherapeutInnen oder KünstlerInnen müssen an je anderen Stellen ihrer Berufsidentität ihre Vorannahmen überprüfen, ihre üblichen Verhaltens- und Denkmuster in Frage stellen. Das kann eine grosse Herausforderung sein. Der Dialog beschwört die alte/neue Vision eines gemeinschaftlichen selbstverwalteten Lebens herauf, den sich auffaltenden Prozess von kreativer Partizipation zwischen Gleichgestellten. Für viele Dialog-Übende wird es dann fast nicht mehr vorstellbar, hinter diesen Ansatz zurückzugehen - eine echte Herausforderung, wenn wir in unseren Alltag zurückkehren! Eine Schulung im Dialog kann eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz haben und den vernetzen Zusammenhängen, in denen wir leben, angemessener sein als individuumzentrierte Verfahren oder andere Gruppenformen. In unserer Welt brauchen wir, so meine ich, solche neuen Formen kollektiven Denkens, und deshalb möchte Ihnen diesen Ansatz ans Herz legen und Sie ermutigen, sich während dieses Studiengangs darin zu üben.

Christiane Geiser

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